Glima — Wikinger-Ringen aus Island
Glima ist das traditionelle skandinavische Ringen der Wikinger — Islands Nationalsport seit dem 9. Jahrhundert, mit drei Varianten von elegant-technisch bis zu rauem Freikampf.
Inhalt
Glima (althochdeutsch für „Blitzen” oder „Funkeln” — beschreibend für die schnellen Techniken) ist das traditionelle skandinavische Ringen der Wikinger — eines der ältesten europäischen Kampfsysteme mit kontinuierlicher, dokumentierter Praxis. Als isländische Siedler im 9. Jahrhundert ihre neue Heimat besiedelten, brachten sie ihre Ringkampftradition mit — und sie hat die Jahrhunderte überlebt. Das Jónsbók-Gesetzbuch von 1325 beschreibt Glima als Teil der isländischen Volkskultur, was es zu einem der frühestdokumentierten europäischen Volkssportarten macht. Island erklärt Glima bis heute zu seinem Nationalsport — und die jährlichen Glima-Meisterschaften sind ein kulturelles Ereignis. Glima existiert in drei Varianten: die elegante Brókartök (Hosengrifffechten), die kräftige Hryggspenna (Rückenklammer) und die aggressive Lausatök (freier Griff). Die häufigste Form, Brókartök, betont Technik über Kraft — wodurch auch kleinere Kämpfer große besiegen können.
Geschichte
Wikingerzeit (9.–11. Jh.)
Glima war integraler Bestandteil der Wikingerkultur — nicht nur als Sport, sondern als Kriegertraining und gesellschaftliches Ritual. Die isländischen Sagas — darunter die berühmte Grettis Saga — beschreiben Glima-Kämpfe als Prüfungen von Stärke, Ehre und Charakter.
Grettir Ásmundarson (Grettir der Starke) — der legendäre Held der Grettis Saga — ist eng mit Glima verbunden. Der heutige Glima-Meistertitel heißt Grettisbeltið (Grettirs Gürtel) — zu seinen Ehren.
Jónsbók (1325)
Das Gesetzbuch Jónsbók erwähnt Glima als festen Bestandteil der isländischen Volkskultur und gibt Glima damit einen historisch einzigartigen rechtlichen Beleg, der über ein Jahrtausend zurückreicht.
Moderne Institutionalisierung (1888–heute)
1888: Erste moderne Glima-Meisterschaft in Island.
1906: Einführung des Grettisbeltið (Grettirs-Gürtel-Titel) — der prestigiöseste Glima-Titel.
Heute: Glima wird in Island offiziell als Nationalsport geführt und in Schulen unterrichtet.
Die Drei Varianten
Brókartök (Hosengriff-Glima)
Die eleganteste und verbreitetste Form. Beide Kämpfer greifen sich an einem Gürtelriemen am Oberschenkel und an einem Riemen am Rücken — beide Griffe gleichzeitig. Das Ziel: Den Gegner durch Technik zu Boden werfen, ohne den Hosengriff zu verlieren. Wer zuerst mit einer Körperstelle außer den Füßen den Boden berührt, verliert.
Charakter: Aufrechter Stand, elegante Würfe, Technik über Kraft.
Hryggspenna (Rückenklammer)
Backhold-Wrestling: Beide Kämpfer umklammern sich gegenseitig um den Rücken. Weniger elegant, mehr Kraftprobe — ähnlicher dem schottischen Backhold Wrestling.
Lausatök (Freier Griff)
Die aggressivste Variante: Alle Griffe erlaubt. Schläge, Tritte, Würge, Hebel — ähnlich dem Pankration. Diese Form ist historisch die älteste, heute selten.
Kerntechniken (Brókartök)
Die acht Grundtechniken bilden das Fundament für ~50 Wurfvariationen:
Stöng — direkter Wurfschritt Brögð — Fußhaken Snúningur — Rotationswurf Hnapptök — Kniehebel-Takedown
Philosophie
Glima trägt den Geist der nordischen Tugenden: Stärke, Ausdauer, Ehrlichkeit. Der berühmte Satz über Brókartök: „Es ist kein Test der Kraft — es ist ein Test des Charakters.” Wer versucht, mit Muskelkraft statt Technik zu gewinnen, verliert im Glima immer.
„Glima ist der Beweis, dass der Kluge den Starken schlägt — wenn er seine Kunst kennt.” — Isländische Überlieferung
Verbindungen zu anderen Kampfkünsten
- Schwingen — engster europäischer Verwandter; beide sind Volkskampfkünste mit Gürtelgriff und Sawdust/Erde-Boden; Glima betont mehr Technik, Schwingen mehr Kraft
- Sumo — strukturelle Ähnlichkeit: beide haben einen definierten Ring-Kontext und Würfe als Hauptmethode
- Ssireum — koreanisches Pendant: Satba-Griff vs. Hosengriff, ähnliche Volkskultur-Funktion
Heute
Glima wird in Island, Skandinavien und der nordischen Diaspora aktiv gelehrt. Die Glímusamband Íslands (Isländischer Glima-Verband) organisiert Wettkämpfe. International wächst das Interesse durch die Wikinger-Popkultur (TV-Serien, HEMA).
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