Rusty Kanokogi — die Änderung kam nicht durch Überzeugung
1959 musste sie eine Medaille zurückgeben, 2009 bekam sie sie wieder. Dazwischen zwang sie das Frauenjudo in die Olympischen Spiele.
Inhalt
Überblick
Rena „Rusty” Kanokogi, geborene Glickman (30. Juli 1935 – 21. November 2009), war die treibende Kraft hinter der Aufnahme des Frauenjudo in die Olympischen Spiele. Sie ist die dritte Frau in der Meister-Kategorie dieser Enzyklopädie und der letzte Posten eines Blocks, der eine gemeinsame Frage stellt.
Die These dieses Artikels ist unbequem und lässt sich an Vorgängen belegen: Die Institution hat sich nicht ändern lassen, weil man sie überzeugt hätte. Sie änderte sich, weil Kanokogi zwei Dinge tat, die mit Verdienst und Argument nichts zu tun haben — sie schuf eine Tatsache, die sich nicht rückgängig machen ließ, und sie drohte mit einer Klage.
Der Bestand beschreibt an vielen Stellen, wie Verbände Kampfkünste formen: beim Sportfechten, beim Kosen-Judo, in den Graduierungssystemen. Dieser Artikel beschreibt den umgekehrten Fall — was nötig war, um einen Verband zu ändern.
| Geboren | 30. Juli 1935 (als Rena Glickman), Brooklyn, New York |
| Gestorben | 21. November 2009 |
| Kampfkunst | Judo |
| Bekannt für | erste Frauen-Weltmeisterschaft 1980; Frauenjudo bei Olympia |
| Besonderheit | erste Frau, die am Kōdōkan mit Männern trainieren durfte |
| Ehrungen | International Women’s Sports Hall of Fame 1991; Orden der Aufgehenden Sonne 2008 |
1959: die Medaille
Sie trat bei einem Judoturnier des YMCA im Staat New York an — als Mann, mit kurzem Haar und abgebundener Brust, als Teil einer Mannschaft. Sie gewann und bekam eine Medaille.
Was dann geschah, ist der eigentliche Punkt. Sie wurde gefragt, und sie stritt es nicht ab. Sie gab zu, eine Frau zu sein, und musste die Medaille zurückgeben.
Zwei Dinge stehen damit fest, und sie widersprechen sich nicht. Ihre sportliche Leistung war zu keinem Zeitpunkt strittig — sie hatte gewonnen, und niemand behauptete etwas anderes. Und die Medaille war trotzdem weg, weil eine Regel etwas anderes verlangte als das Ergebnis. Es ist derselbe Mechanismus, der bei Keiko Fukuda neunzehn Jahre lang den Dan-Grad festhielt: Nicht die Leistung entscheidet, sondern was die Ordnung zulässt.
1962: Kōdōkan
1962 reiste sie nach Japan, erwarb den 2. Dan und wurde die erste Frau, die am Kōdōkan mit männlichen Schülern trainieren durfte. Dort lernte sie auch ihren späteren Mann Ryōhei Kanokogi kennen.
Diese Angabe verdient eine Einordnung, weil sie leicht falsch gelesen wird. Der Kōdōkan hatte seit den 1920er Jahren eine Frauenabteilung — Frauen übten dort also längst, unter anderem Keiko Fukuda. Neu war die Trennung, die fiel: gemeinsames Training, nicht getrenntes. Der Fortschritt lag nicht darin, dass eine Frau zugelassen wurde, sondern darin, dass sie nicht mehr in eine eigene Abteilung sortiert wurde.
1980: die Hypothek und der Madison Square Garden
Der entscheidende Vorgang ist der unromantischste. Es gab keine Frauen-Weltmeisterschaft im Judo, und die Verbände richteten keine aus. Kanokogi richtete sie selbst aus — 1980 im Madison Square Garden — und nahm dafür eine Hypothek auf ihr Haus auf.
Damit war die Lage eine andere, und zwar ohne dass irgendjemand seine Meinung geändert hätte. Vorher konnte man sagen, es gebe keine Frauen-Weltmeisterschaft. Danach gab es eine, sie war ausgetragen worden, und die Ergebnisse standen fest. Eine Tatsache lässt sich nicht widerlegen, nur zur Kenntnis nehmen.
Die Drohung, und was danach geschah
Der zweite Hebel war juristisch. Kanokogi drohte dem Internationalen Olympischen Komitee mit einer Klage wegen Diskriminierung.
Der weitere Verlauf ist in Daten festgehalten:
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1980 | erste Frauen-Weltmeisterschaft, von ihr finanziert |
| 1988 | Frauenjudo bei den Spielen in Seoul; sie ist Trainerin der ersten olympischen Frauenmannschaft der USA |
| 1992 | Frauenjudo in Barcelona vollständig ins olympische Programm aufgenommen |
Zwölf Jahre von ihrer eigenen Hypothek bis zu olympischen Medaillen.
Zur Sorgfalt gehört eine Einschränkung. Die Formulierung, das Frauenjudo sei „im Wesentlichen durch ihre Bemühungen” olympisch geworden, findet sich häufig, und sie ist zu stark. Das IOC stand in den 1980er Jahren allgemein unter Druck, Frauenwettbewerbe aufzunehmen, und an der Sache waren viele beteiligt. Belegt ist ihre Rolle als treibende Kraft und die Klagedrohung — nicht, dass es ohne sie nicht geschehen wäre. Der Befund ist auch so deutlich genug.
2009: dieselbe Medaille
2009 verlieh ihr der YMCA des Staates New York eine Goldmedaille und machte damit den Vorgang von 1959 rückgängig. Sie starb im selben Jahr.
Zwischen dem Entzug und der Rückgabe liegen fünfzig Jahre. In dieser Zeit hatte sich nicht ihre Leistung geändert — die stand 1959 fest —, sondern die Institution. Wer eine Antwort darauf sucht, wie lange so etwas dauert, hat hier eine Zahl.
Der Dreiklang dieser Kategorie
Mit diesem Artikel sind drei Frauen in der Meister-Kategorie vertreten, und erst nebeneinander gelesen ergeben sie eine Aussage, die keine der drei Biografien allein trägt:
| Verhältnis zur Institution | Ergebnis | |
|---|---|---|
| Keiko Fukuda | kämpfte um Anerkennung innerhalb | der 10. Dan kam mit 98 — und nicht vom Kōdōkan |
| Edith Garrud | arbeitete gegen eine | bildete eine Leibgarde gegen ein Gesetz aus |
| Rusty Kanokogi | erzwang die Änderung einer | Hypothek und Klagedrohung, dann Olympia |
Die gemeinsame Beobachtung ist die unangenehme: In keinem der drei Fälle hat sich eine Institution geändert, weil sie überzeugt worden wäre. Fukudas höchster Grad kam von anderen Verbänden. Garruds Lage war von Anfang an gegnerisch. Kanokogis Erfolg beruhte auf Geld und auf einer Rechtsdrohung.
Das ist kein Urteil über Judo, Jūjutsu oder das Budō. Es ist eine Beobachtung über Institutionen, und sie fügt sich genau in die These, die dieser Bestand seit dem Graduierungssysteme-Vergleich verfolgt: Eine Organisation verwaltet sich selbst, und was sie zulässt, sagt mehr über sie als über die Sache.
Verbindungen zu anderen Kampfkünsten
- Judo — ihre Kunst, und der Verband, dessen olympisches Programm sie veränderte.
- Keiko Fukuda — die Zeitgenossin am anderen Ende desselben Problems: Fukuda wartete auf die Institution, Kanokogi wartete nicht.
- Edith Garrud — der dritte Fall, und der einzige, in dem die Gegnerin der Staat war.
- Jigorō Kanō — der Gründer, dessen Ordnung all diese Fälle betrifft. Kanō richtete die Frauenabteilung ein; die Frage, wann sie wieder verschwindet, hat er nicht gestellt.
- Graduierungssysteme im Vergleich — der systematische Artikel dahinter.
Heute
Frauenjudo ist seit 1992 vollwertige olympische Disziplin, und die erste Weltmeisterschaft von 1980 gilt als Ausgangspunkt einer Entwicklung, die heute selbstverständlich wirkt. Kanokogi wurde 1991 in die International Women’s Sports Hall of Fame aufgenommen und erhielt 2008 den Orden der Aufgehenden Sonne — von Japan, also von der Seite, gegen deren Verbandsstrukturen sie jahrzehntelang gearbeitet hatte.
Zwei Hinweise zur Einordnung. Erstens: Sie war Trainerin und Organisatorin, nicht in erster Linie Wettkämpferin. Ihre Wirkung liegt in einer Veranstaltung, einem Anwaltsschreiben und einer Mannschaftsbetreuung, nicht in Titeln. Zweitens: Der Fall taugt nicht zum Erbauungsstück. Er erzählt keine Geschichte davon, dass sich Beharrlichkeit auszahlt, sondern davon, dass es eine Hypothek und eine Klagedrohung brauchte.
rusty-kanokogi hat bewusst kein Bild. Zu ihr existiert auf Wikimedia Commons keine frei
lizenzierte Aufnahme; die dortigen Treffer zu „Kanokogi” betreffen einen gleichnamigen japanischen
Philosophen. Ein beliebiges Judofoto wäre falsch beschriftet — genau der Fehler, den dieser Bestand
an anderer Stelle bereinigt hat.