Kosen-Judo — nicht der Vorfahr des BJJ, sondern sein Geschwister
Maeda verließ Japan 1904, das Kosen-Turnier begann 1914. Kosen-Judo kann das BJJ nicht hervorgebracht haben.
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Kosen-Judo (高專柔道) ist keine eigene Kampfkunst und kein Stil, sondern ein Regelwerk. Es entstand an den kōtō senmon gakkō, den höheren Fachschulen Japans, und unterscheidet sich vom Judo des Wettkampfbetriebs in wenigen Punkten — die aber alle in dieselbe Richtung zeigen: Der Kampf darf sofort zu Boden gehen und dort bleiben.
Der Artikel steht hier, weil an Kosen-Judo eine Behauptung hängt, die man überall liest und selten geprüft findet: dass es das Brazilian Jiu-Jitsu hervorgebracht habe. Der Bestand dieser Seite hat sie bis heute selbst mitgetragen; im Judo-Artikel stand, Kosen-Judo habe die Entwicklung des BJJ beeinflusst.
Die Behauptung scheitert an einem Datum. Mitsuyo Maeda verließ Japan am 16. November 1904. Das Kosen-Taikai, das Turnier, aus dem die Kosen-Regeln und die ganze Tradition erwuchsen, wurde erstmals 1914 ausgetragen — zehn Jahre später. Maeda kann nicht mitgenommen haben, was es zum Zeitpunkt seiner Abreise noch nicht gab.
Was stattdessen zutrifft, ist interessanter als die Legende: Kosen-Judo und BJJ sind Geschwister, keine Vorfahren und Nachkommen. Beide entstehen, wenn man dem Judo um 1900 diejenigen Regeln nimmt, die die Kämpfer wieder auf die Füße zwingen. Das ist zweimal unabhängig passiert, einmal in Japan und einmal in Brasilien.
Was „Kosen” bezeichnet
Kosen ist die Abkürzung von kōtō senmon gakkō, „höhere Fachschule” — technisch ausgerichtete Schulen für Schüler etwa zwischen 15 und 20 Jahren. Der Name der Kampfkunst kommt also nicht aus der Kampfkunst, sondern aus dem Schultyp. Das ist mehr als eine Fußnote: Kosen-Judo ist von Anfang an Hochschulsport gewesen, mit allem, was daran hängt — feste Jahrgänge, Mannschaftswettbewerbe zwischen Schulen, ein Publikum aus Kommilitonen.
Die Eckdaten:
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1898 | erste Judo-Wettkämpfe an den Kosen-Schulen |
| 1914 | erstes Kosen-Taikai, der jährliche Wettbewerb zwischen den Schulen |
| 1944 | letztes Kosen-Taikai |
| 1950 | das kōtō senmon gakkō-System wird im Zuge der Bildungsreform abgeschafft |
| 1952 | die sieben ehemaligen Kaiserlichen Universitäten gründen das Nanatei-Jūdō und übernehmen das Kosen-Regelwerk |
Die Regeln — und was aus ihnen folgt
Die Kosen-Regeln waren im Kern die des Dai Nippon Butokukai und des Kōdōkan vor den Änderungen von 1925. Sie wichen in wenigen Punkten ab, und jeder einzelne betrifft den Übergang zum Boden:
| Kosen-Judo | modernes Wettkampfjudo | |
|---|---|---|
| Zu Boden ziehen (hikikomi) | erlaubt, ohne vorherigen Wurf | verboten bzw. bestraft |
| Verweildauer am Boden | unbegrenzt | wird bei Untätigkeit aufgestellt |
| Griff an Bein und Hose | erlaubt | verboten |
| Defensive Haltung | keine Beschränkung | wird bestraft |
| Ausgang | Sieg nur durch Ippon | Punktwertung, Wertungsstufen |
Der letzte Punkt wird oft übersehen und ist der folgenreichste. Wo es keine Punkte gibt, gibt es auch keinen Anreiz, eine knappe Führung über die Zeit zu retten. Ein Kampf, den niemand nach Punkten gewinnen kann, wird entweder entschieden oder er endet unentschieden — und damit verschwindet die gesamte Taktik, die im modernen Judo den Bodenkampf abkürzt.
Das ist genau der Mechanismus, den der Wurfprinzipien-Vergleich beschreibt: Nicht die Technik bestimmt das Regelwerk, sondern das Regelwerk erzeugt die Technik. Beim Kosen-Judo lässt es sich an einer einzigen Familie beobachten. Dieselben Menschen, dieselbe Schule, derselbe Gründer — und ein anderer Ringkampf, weil vier Regeln anders lauten.
Der Datumsbefund
Die Kette, die üblicherweise erzählt wird, lautet: Kosen-Judo → Maeda → Carlos Gracie → BJJ. Sie bricht am ersten Glied.
- Maeda (1878–1941) trainierte am Kōdōkan und wurde von Kanō Jigorō als Vertreter des Judo ins Ausland geschickt. Er verließ Yokohama am 16. November 1904 und erreichte New York am 8. Dezember 1904. Nach Brasilien kam er ab 1914; dort unterrichtete er die Gracies.
- Das Kosen-Taikai begann 1914, im selben Jahr, in dem Maeda Brasilien erreichte — und zehn Jahre nach seiner Abreise aus Japan.
Damit ist die Sache entschieden: Was Maeda mitnahm, war nicht das Ne-waza eines Turniers, das noch nicht existierte. Er nahm das Ne-waza des Kōdōkan seiner eigenen Zeit mit — und das war weit bodenlastiger als das Judo, das heute jeder kennt.
Ein Einwand ist zulässig und soll hier stehen: An den Kosen-Schulen wurde bereits ab 1898 gerungen, also während Maedas Kōdōkan-Jahren. Er könnte dem Milieu begegnet sein. Aber ein Milieu ist keine Tradition. Das, was man heute „Kosen-Judo” nennt — das Regelwerk, die Turnierform, das Repertoire — entstand mit dem Taikai, und der lag nach seiner Abreise.
Woher das Ne-waza dann kam
Wenn nicht aus dem Kosen-Turnier, woher dann? Aus dem Kōdōkan selbst, der um 1900 dem Bodenkampf sehr viel mehr Raum ließ als heute. Die übliche Erklärung dafür sind die Begegnungen mit Jūjutsu-Schulen, die auf Bodenarbeit spezialisiert waren; genannt wird fast immer Tanabe Mataemon von der Fusen-ryū, der Kōdōkan-Leute wiederholt am Boden besiegte, darunter 1900 bei einer Vorführung vor dem Kronprinzen mit einem Beinhebel.
Diese Geschichte gehört mit Vorbehalt weitergegeben. Die Berichte über die Kämpfe zwischen Kōdōkan und Fusen-ryū weichen voneinander ab, und die zugespitzte Fassung — die Fusen-ryū habe dem Kōdōkan den Bodenkampf beigebracht — ist unter Historikern nicht gedeckt. Ne-waza war eher Tanabes persönliche Spezialität als ein Schulmerkmal; auch das Handa-Dōjō wird in diesem Zusammenhang genannt. Belastbar ist der bescheidenere Satz: Um 1900 war Bodenkampf im japanischen Judo ein ernstes Thema, und es gab Spezialisten, die darin besser waren als die Kōdōkan-Vertreter.
Genau daraus folgt aber die These dieses Artikels. Wenn das Ne-waza um 1900 breit vorhanden war, dann brauchen weder Kosen-Judo noch BJJ einander zur Erklärung. Beide schöpfen aus demselben Bestand — und beide entwickeln ihn weiter, weil sie den Boden nicht künstlich beenden.
Korrektur am eigenen Bestand: Der Judo-Artikel dieser Seite behauptete bis heute, Kosen-Judo habe das BJJ beeinflusst, in der englischen Fassung sogar „direkt”. Das ist mit dem Datum der Abreise nicht vereinbar und wurde mit diesem Artikel richtiggestellt.
Nach 1950: Nanatei-Jūdō
Mit der Bildungsreform verschwand 1950 der Schultyp, und damit hätte auch das Regelwerk verschwinden können. Stattdessen übernahmen es 1952 die sieben ehemaligen Kaiserlichen Universitäten — Tokio, Kyoto, Tōhoku, Kyūshū, Hokkaidō, Osaka und Nagoya — und richten seither das Nanatei-Jūdō (七帝柔道, „Judo der sieben Kaiserlichen”) aus. Die Universität Tokio trat 1991 aus und 2001 wieder ein.
Das Turnier existiert also seit über siebzig Jahren ununterbrochen, wird aber fast ausschließlich von Studenten dieser sieben Universitäten bestritten. Es ist damit eine der wenigen Kampfkunsttraditionen, deren Fortbestand nicht an Schulen, Verbänden oder Meistern hängt, sondern an Studentenvereinen — und die deshalb außerhalb ihres Kreises kaum sichtbar ist.
Die Richtung des Einflusses ist umgekehrt
Der schlagendste Beleg gegen die Abstammungserzählung ist, wie das Kosen-Judo im Westen überhaupt bekannt wurde. Es wurde nicht entdeckt, weil man den Ursprüngen des BJJ nachging. Es wurde bekannt, weil BJJ-Übende in den 1990er Jahren auf etwas stießen, das ihrem eigenen Bodenkampf ähnelte, und sich zu fragen begannen, was das sei.
Die Aufmerksamkeit lief also vom BJJ zum Kosen-Judo, nicht umgekehrt — Interesse aus Ähnlichkeit, nicht aus Herkunft. Wer eine Abstammung behauptet, dreht die tatsächliche Reihenfolge der Wiederentdeckung um.
Und die Ähnlichkeit ist echt. Beide arbeiten aus der Rückenlage, beide kennen die Guard als Arbeitsposition statt als Niederlage, beide gehen freiwillig zu Boden. Das ist kein Zufall und auch kein Beweis für Verwandtschaft im behaupteten Sinn — es ist das, was zwei Systeme gemeinsam haben, die aus demselben Ausgangsmaterial dieselbe Regel gestrichen haben.
Der zweite Fall: Luta Livre
Dieselbe Zuschreibung findet sich bei der brasilianischen Luta Livre, und sie verdient dieselbe Vorsicht. Euclydes Hatem („Tatu”, 1914–1984) trainierte ab 1928 in Rio de Janeiro; die Standarddarstellung nennt sein System eine Mischung aus Catch Wrestling und Kosen-Judo-Bodenkampf.
Die namentlich überlieferten Lehrer sind allerdings Catch-Wrestler: Hatem trainierte am YMCA in Rio unter Orlando Américo da Silva („Dudú”) und Manoel Rufino dos Santos. Ein kosen-geschulter Lehrer wird in den Darstellungen nirgends benannt. Die Zuschreibung ist damit nicht widerlegt — sie ist unbelegt, und das ist ein Unterschied, den dieser Artikel offenhält statt ihn in die eine oder andere Richtung aufzulösen.
Verbindungen zu anderen Kampfkünsten
- Judo — der Stamm. Kosen-Judo ist kein Abfall vom Judo, sondern das Judo einer bestimmten Regelfassung, konserviert an einem bestimmten Schultyp.
- BJJ — das Geschwister, nicht das Kind. Beide Systeme sind aus dem Judo um 1900 hervorgegangen, unabhängig voneinander und in verschiedenen Ländern.
- Luta Livre — der zweite Fall derselben Zuschreibung, mit derselben Beweislage.
- Jūjutsu — die Bodenkampfspezialisten des 19. Jahrhunderts, aus deren Umfeld das Ne-waza kam, das der Kōdōkan um 1900 aufnahm.
- Catch Wrestling — der westliche Parallelfall: ebenfalls Bodenkampf ohne Aufstell-Regel, ebenfalls in denselben Jahrzehnten, und ohne jede Verbindung nach Japan.
- Werfen — ein Prinzip, sieben Regelwerke — Kosen-Judo ist der Beleg innerhalb einer einzigen Kunst: gleiche Schule, gleicher Gründer, vier andere Regeln, anderer Kampf.
Heute
Nanatei-Jūdō wird weiter ausgetragen, im Wesentlichen von den Studentenvereinen der sieben Universitäten. Außerhalb Japans gibt es kein flächendeckendes Angebot; wer Kosen-Regeln üben will, findet sie am ehesten in BJJ- und Submission-Grappling-Kreisen, die sie als Zusatzformat aufgreifen — womit sich der oben beschriebene Weg der Aufmerksamkeit ein weiteres Mal bestätigt.
Zwei Hinweise für die Einordnung eines Angebots. Erstens: Kosen-Judo ist ein Regelwerk, kein Lehrsystem. Ein Kurs, der es als eigenen Stil mit eigener Gürtelordnung und eigener Linie anbietet, verkauft mehr, als der Gegenstand hergibt. Zweitens: Vorsicht bei Herkunftsversprechen. Wo mit „der Wurzel des BJJ” geworben wird, wird eine Abstammung behauptet, die sich am Kalender nicht halten lässt.
Der eigentliche Wert liegt woanders, und er ist beträchtlich: Kosen-Judo bewahrt eine Fassung des Judo, die im Wettkampfbetrieb Schritt für Schritt weggeregelt wurde — und es zeigt an einem Beispiel, das sich in vier Zeilen aufschreiben lässt, wie stark ein Regelwerk eine Kampfkunst formt.
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