Shorinji Kempo — die Kampfkunst, die als Religion eingetragen ist
1947 in Tadotsu gegründet, 1951 als Religionsgemeinschaft eingetragen. Die Rechtsform erklärt, warum hier nicht frei gekämpft wird.
Inhalt
Überblick
Shorinji Kempo (少林寺拳法) ist eine japanische Kampfkunst, die im Oktober 1947 in Tadotsu auf Shikoku entstand. Ihr Gründer heißt Doshin So, geboren als Nakano Michiomi (1911–1980).
Der Name sagt „Shaolin-Tempel-Faustmethode”, und die Herkunftserzählung führt nach China. Der interessantere Teil dieses Artikels ist aber nicht die Herkunft, sondern die Rechtsform.
Denn Shorinji Kempo ist als Religionsgemeinschaft eingetragen — als Kongō Zen Sōhonzan Shōrinji, nach japanischem Religionskörperschaftsgesetz. Und diese Eintragung erklärt mehr über die Kunst als ihre Ahnenreihe: warum sie in Paarformen geübt und nicht frei gekämpft wird, warum sie zwei Graduierungsleitern führt und warum sie Heiltechniken unterrichtet.
Der Gründer
Nakano Michiomi wurde am 10. Februar 1911 in Mimasaka, Präfektur Okayama, geboren. Ab 1928 diente er beim japanischen Militär in der Mandschurei, mit Aufgaben, die in den Darstellungen offen benannt werden: verdeckte Aufklärung, militärische Kartierung, geografische Vermessung in China.
Während dieser Jahre lernte er Kampfkunst. Genannt werden ein daoistischer Lehrer namens Chen Lian und das Bailian Quan, dann Wen Taizong und das Yihe Quan (japanisch Giwamon-ken).
Und dann kommt die Behauptung, um die es geht: 1936 habe Wen ihm am Shaolin-Kloster am Berg Song in Henan die Meisterwürde seiner Linie übergeben — als 21. Nachfolger.
1946 kehrte er nach Japan zurück, änderte seinen Familiennamen zu Sō und benutzte fortan die Lesung Dōshin.
Was belegt ist und was nicht
| Behauptet | Belegt | |
|---|---|---|
| Aufenthalt in China | ja, viele Jahre | ja — militärischer Dienst ab 1928 |
| Chinesische Kampfkunst gelernt | Bailian Quan, Yihe Quan | plausibel, aber ohne unabhängige Quelle |
| 21. Nachfolger einer Shaolin-Linie, 1936 | ja | keine unabhängige Quelle |
| Japanische Ausbildung | Großvater: Kendō, Sōjutsu, evtl. Fusen-ryū Jūjutsu | dünn dokumentiert |
| Hakkō-ryū Jūjutsu | von vielen Darstellungen behauptet | beide Seiten widersprechen |
Der Einwand gegen die Nachfolge stammt von Donn Draeger, und er ist kein Detailstreit. Draeger argumentiert, es sei mit der chinesischen Überlieferung unvereinbar, dass ein Ausländer die Führung einer chinesischen Kampfkunsttradition übernehme — und die Behauptung unterschätze die Urteilskraft derer, die sie glauben sollen.
Der Hakkō-ryū-Punkt ist der aufschlussreichste. Viele Darstellungen führen Doshin So als Hakkō-ryū-Schüler. Die Zentrale des Shorinji Kempo hat dazu keine Unterlagen, und die Unterlagen der Hakkō-ryū-Organisation zeigen nur, dass er an einigen Übungsstunden teilnahm.
Damit steht Shorinji Kempo im selben Verhältnis zum Daitō-ryū wie mehrere koreanische Künste dieses Bestands — denn Hakkō-ryū wurde 1941 von Okuyama Ryūhō gegründet, der im Daitō-ryū ausgebildet war. Nur ist die Verbindung hier schwächer als bei den anderen: Sie besteht aus wenigen Stunden, die beide Seiten unterschiedlich erinnern. Wer sie zur Herkunft erklärt, macht denselben Fehler wie die, die eine Shaolin-Linie daraus machen.
Oktober 1947
Doshin So gründete seine Kunst in einem geschlagenen Land.
Was er dazu sagt, ist in allen Darstellungen dasselbe: Die Zustände im Nachkriegsjapan hätten ihn von der Notwendigkeit überzeugt, Moral und Selbstachtung wiederherzustellen. Die Kunst war von Anfang an als Erziehungsmittel gedacht, nicht als Wettkampfsport.
Das ist eine Gründungsabsicht, die dieser Bestand kennt. Der Vergleich von Dō und Jutsu beschreibt, wie japanische Kampfkünste sich zwischen 1919 und 1942 von Techniksammlungen zu Wegen umbenannten. Shorinji Kempo entsteht nach dieser Welle und übernimmt ihr Ergebnis als Ausgangspunkt: Der erzieherische Zweck steht am Anfang und nicht am Ende.
Die Rechtsform
Und hier steht der eigentliche Fund.
Im Dezember 1951 wurde Kongō Zen Sōhonzan Shōrinji nach dem japanischen Religionskörperschaftsgesetz eingetragen — die Verbandschronik nennt für die Eintragung 1952, die Angaben schwanken um ein Jahr. Kongō Zen ist die Lehre, die Doshin So formulierte; sie ist buddhistisch grundiert, aber eine eigene Gründung.
Der Zusammenhang mit der Besatzungszeit wird in den Verbandsdarstellungen ausdrücklich hergestellt. Die Besatzungsverwaltung hatte nach 1945 die Kampfkünste stark eingeschränkt und die Dai Nippon Butoku Kai 1946 aufgelöst — jene Vereinigung, die der Dō-Jutsu-Vergleich als Treiber der Umbenennungswelle führt. Eine Religionsgemeinschaft fiel nicht unter dasselbe Verbot.
Ob das der Grund oder ein Grund war, lässt sich von außen nicht entscheiden, und die Verbandsdarstellung sagt selbst beides: die Beschränkungen und den philosophischen Anspruch, den die Kunst ohnehin hatte. Die Daten passen zu beidem.
Aber die Folgen der Rechtsform sind unabhängig von ihrem Motiv, und sie sind sichtbar.
Was die Rechtsform mit der Technik macht
| Shorinji Kempo | Was daraus folgt | |
|---|---|---|
| Zweck | Selbstbildung, in einer Religionsgemeinschaft | kein Titelbetrieb, keine Meisterschaft im Freikampf |
| Wettkampfform | Embu — abgesprochene Paarform, sechs Abschnitte, 1,5 bis 2 Minuten, fünf Kampfrichter, bis 300 Punkte | bewertet wird Ausführung, nicht Ausgang |
| Graduierung | Dan und Hōkai — eine kampfkünstlerische und eine philosophische Leiter nebeneinander | wer aufsteigen will, muss beides vorweisen |
| Heiltechniken | Seihō gehört zum Lehrplan | eine Kampfkunst, die auch behandelt |
| Grundsatz | Ken zen ichinyo — Faust und Zen sind eins | Technik ohne Lehre gilt als unvollständig |
Der Kern ist die zweite Zeile. Shorinji Kempo hat sehr wohl Wettbewerb — aber der Wettbewerb ist die gemeinsam vorgeführte Paarform, nicht der Kampf. Zwei Übende zeigen abwechselnd Angriff und Verteidigung, und Kampfrichter vergeben Punkte für die Ausführung.
Wer das mit einem Turnier verwechselt, versteht die Kunst falsch — und wer sagt, sie kenne keinen Wettkampf, ebenfalls. Sie kennt einen, der etwas anderes misst.
Und die zweite Graduierungsleiter ist die deutlichste Spur der Rechtsform. Der Vergleich der Graduierungssysteme zeigt, dass Dan-Systeme im ganzen Bestand junge Verwaltungsapparate sind. Shorinji Kempo führt daneben eine zweite Leiter, die den geistigen Stand bezeichnet. Das ergibt nur in einer Organisation Sinn, deren Zweck nicht die Kunst allein ist.
Die drei Säulen der Technik
| Bereich | Zeichen | Inhalt |
|---|---|---|
| Gōhō | 剛法 | „harte Methoden” — Faust, Handkante, Ellbogen, Knie, Tritte, Abwehr |
| Jūhō | 柔法 | „weiche Methoden” — Würfe, Festlegen, Gelenkkontrolle, Würgen, Befreiungen |
| Seihō | 整法 | „richtende Methoden” — Druckpunkte, Einrenken, Wiederbelebung |
Die Zweiteilung in hart und weich ist im Bestand nicht neu — sie ist die alte Unterscheidung, die auch das Jūjutsu und das Karate kennen. Neu ist die dritte Säule: dass die Wiederherstellung des Körpers zum Lehrplan gehört und nicht zur Nachsorge.
Fünf juristische Personen
Die Organisation besteht heute aus fünf Körperschaften, und die Aufzählung ist selbst ein Befund:
- die Religionsgemeinschaft (Kongō Zen Sōhonzan Shōrinji)
- der Stiftungsverband in Japan (aus dem Verband von 1963 hervorgegangen)
- die Schule Zenrin Gakuen
- die World Shorinji Kempo Organization (WSKO), 1974
- Shorinji Kempo Unity, 2003 — zuständig für die gewerblichen Schutzrechte
Die fünfte ist die modernste Antwort auf ein altes Problem. Wer einen Namen führt, der einen chinesischen Tempel nennt, hat ein Interesse daran, dass niemand sonst ihn benutzt. 2003 hat die Organisation dafür eine eigene juristische Person geschaffen.
Vorausgegangen war ein internationaler Ausbau: 1972 die International Shorinji Kempo Federation mit acht Ländern, 1974 die WSKO mit sechzehn. Doshin So starb im Mai 1980; ihm folgte Yūki So.
Der Name und der Tempel
1979 wurde Doshin So von der chinesischen Regierung eingeladen, Faustkunst am Shaolin-Tempel wieder einzuführen. Das ist ein bemerkenswerter Vorgang: Ein Japaner, dessen Anspruch auf eine Shaolin-Linie unbelegt ist, wird von China gebeten, dem Tempel Kampfkunst zurückzubringen.
Der Grund liegt im chinesischen Zwanzigsten Jahrhundert. Der Artikel zum Shaolin Kung Fu beschreibt die Abbrüche, die dort stattfanden. Wer 1979 Kampfkunst am Songshan suchte, fand wenig.
Ein Rechtsstreit zwischen dem Tempel und Shorinji Kempo wird erwähnt — Draeger führt ihn an —, aber Gerichtsunterlagen dazu sind nicht aufzufinden. Der Bestand hält das entsprechend fest: eine Erwähnung ohne Beleg ist kein Vorgang.
Häufige Fehlschlüsse
„Shorinji Kempo ist japanisches Shaolin Kung Fu.” Der Name sagt das, die Beleglage nicht. Was gesichert ist: Der Gründer war lange in China und hat dort Kampfkunst gelernt. Was fehlt: jede unabhängige Quelle für die Nachfolge von 1936.
„Es ist eine Religion, also keine richtige Kampfkunst.” Die Rechtsform ändert nichts an Gōhō und Jūhō. Sie ändert, wofür trainiert wird — und deshalb, wie geprüft wird.
„Es kennt keinen Wettkampf.” Es kennt einen: das Embu, die bewertete Paarform. Was es nicht kennt, ist der freie Kampf um einen Titel.
„Die Kunst ist 1500 Jahre alt, weil Bodhidharma.” Der Artikel zu Bodhidharma hält fest, was von dieser Linie übrig bleibt. Shorinji Kempo ist von 1947, und der Verband nennt dieses Datum selbst.
„Die Hakkō-ryū-Verbindung erklärt die Technik.” Sie ist zu dünn dafür. Beide Organisationen widersprechen sich, und übrig bleiben einige besuchte Übungsstunden.
Verwandte Artikel
- Shaolin Kung Fu — der Tempel im Namen, und was dort tatsächlich überliefert ist
- Karate — dieselbe Unterscheidung von hart und weich, ohne die dritte Säule
- Jūjutsu — die japanische Herkunft der weichen Methoden
- Daitō-ryū Aiki-Jūjutsu — wohin die Hakkō-ryū-Spur führt, wenn sie trägt
- Aikidō — die andere Nachkriegskunst mit erzieherischem Anspruch statt Wettkampf
- Dō und Jutsu im Vergleich — die Umbenennungswelle, deren Ergebnis hier am Anfang steht
- Budō — der Begriff, unter dem die Kunst antritt
- Zen im Budō — was Ken zen ichinyo voraussetzt und was nicht
- Graduierungssysteme im Vergleich — die zweite, philosophische Leiter als Sonderfall
- Hwarangdo — dieselbe Bauart einer Gründungserzählung, im Nachbarland
- Bodhidharma — die Adresse, an die Shaolin-Linien geschickt werden