Sibpalgi — ein Handbuch mit Datum und eine Kunst ohne Linie
Korea besitzt das datierte Kampfkunsthandbuch, das anderswo fehlt. Nur hat die heutige Kunst mit dem Namen Sibpalgi keine Linie dorthin.
Inhalt
- Überblick
- Drei Bücher, keine Legende
- Der Mann, der die Achtzehn gezählt hat
- Wer das Buch geschrieben hat
- Die 24 Methoden
- Was im Buch fehlt — und warum das die Pointe ist
- Ein Handbuch, das seine Uneinheitlichkeit ausweist
- Was der Text nicht enthält
- Die Kunst, die heute so heißt
- Häufige Fehlschlüsse
- Verwandte Artikel
Überblick
Sibpalgi (십팔기, 十八技) heißt „achtzehn Fertigkeiten” und bezeichnet den Übungskanon des Joseon-Militärs, wie ihn das Muyesinbo von 1759 festhielt und das Muyedobotongji von 1790 illustriert überlieferte.
Damit steht in dieser Enzyklopädie zum ersten Mal ein koreanisches Handbuch mit festem Datum. Der Bestand hat für Europa mit der HEMA gezeigt, wie viel eine solche Quelle trägt: Wo es datierte Handschriften gibt, muss man nicht raten. Für Korea liegt dasselbe Material vor — vier Bände, im April 1790 gedruckt, im Auftrag eines Königs, verfasst von drei namentlich bekannten Männern, mit Abbildungen zu jeder Methode und einem Anhang, der Abweichungen zwischen den Garnisonen tabelliert.
Und trotzdem ist Sibpalgi kein Gegenbeispiel zu Subak und Haidong Gumdo, sondern ein neuer Fall derselben Art. Denn die Kunst, die heute Sibpalgi heißt, ist nicht aus diesem Buch hervorgegangen. Sie wurde in den 1960er Jahren nach chinesischem Vorbild unterrichtet und erst 1986 mit dem Handbuch verglichen.
Der Name hat also eine Urkunde. Die Kunst, die ihn trägt, hat keine.
Drei Bücher, keine Legende
Die Vorgeschichte des Handbuchs ist ungewöhnlich gut dokumentiert, weil sie eine militärische Verwaltungsgeschichte ist und keine Überlieferung.
| Werk | Datum | Anlass | Umfang |
|---|---|---|---|
| Muyejebo (무예제보) | zusammengestellt 1598, gedruckt 1610 | die Niederlagen des Imjin-Krieges | 6 Waffenmethoden |
| Muyesinbo (무예신보) | 1759 | Erweiterung unter Yeongjo | 18 Methoden |
| Muyedobotongji (무예도보통지) | April 1790 | Auftrag Jeongjos | 24 Methoden, 4 Bände |
Der Anfang ist eine Niederlage. Der Imjin-Krieg (1592–1598) legte offen, dass das koreanische Heer der japanischen Infanterie im Nahkampf nichts entgegenzusetzen hatte. König Seonjo ließ deshalb die Ausbildungsordnung des chinesischen Generals Qi Jiguang übernehmen, dessen Jixiao Xinshu (紀效新書, 1561) die Ming-Truppen gegen japanische Küstenräuber trainiert hatte. Der Beamte Han Gyo stellte daraus 1598 das Muyejebo zusammen — sechs Waffenmethoden, ausdrücklich nach chinesischer Vorlage. Ein Nachtrag von 1610 fügte japanisches Schwertmaterial hinzu.
Korea hat seine Kampfkunstliteratur also aus einer Kriegsniederlage heraus begonnen, und es hat die fremde Herkunft nie verschwiegen. Das ist im Bestand dieser Enzyklopädie selten genug: Die meisten Ursprungserzählungen laufen in die andere Richtung.
Der Mann, der die Achtzehn gezählt hat
Die Zahl achtzehn und das Wort Sibpalgi haben einen Urheber, und er ist eine der düstersten Figuren der koreanischen Geschichte.
Kronprinz Sado (사도세자, 1735–1762) erweiterte den Kanon des Muyejebo um zwölf weitere Methoden auf achtzehn und prägte dafür den Ausdruck Bonjo Muye Sibpalban — die achtzehn Kampfkunstklassen der Dynastie —, verkürzt Sibpalgi. Das Muyesinbo von 1759 hält dieses Ergebnis fest.
Drei Jahre später ließ sein Vater, König Yeongjo, ihn in eine Reistruhe sperren. Sado starb darin 1762 im Alter von 27 Jahren.
Sein Sohn wurde König Jeongjo — und Jeongjo gab 1790 das Handbuch in Auftrag, das die achtzehn Methoden seines Vaters bewahrt und um sechs erweitert. Der Bestand dieser Enzyklopädie ist voll von Gründervätern, die nachträglich erfunden wurden. Hier ist es umgekehrt: Der Urheber des Begriffs ist belegt, datiert, und die Umstände sind aktenkundig.
Wer das Buch geschrieben hat
Drei Männer, alle drei Seoeol (서얼) — Söhne von Nebenfrauen, denen die Gesetze der Dynastie den Zugang zu hohen Ämtern verwehrten:
- Yi Deokmu (이덕무, 1741–1793) — Gelehrter, seit 1779 einer der ersten Geomseogwan der königlichen Bibliothek Gyujanggak
- Park Jega (박제가, 1750–1805) — Gelehrter der Bukhak-Richtung, die chinesische Technik und Verwaltung zum Vorbild nahm
- Baek Dongsu (백동수, 1743–1816) — Militär und Schwertfechter, 1789 zum Geomseogwan ernannt
Jeongjo hatte die Bibliothek 1777 ausdrücklich für Seoeol geöffnet. Dass ausgerechnet dieses Buch von drei Männern stammt, die nach geltendem Recht nicht hätten dort sitzen dürfen, ist kein Zufall, sondern Programm: Es ist ein Reformprojekt, kein Traditionsprojekt.
Ausgebildet werden sollte damit die Jangyongyeong (장용영), die Truppe, die Jeongjo als eigene Garde aufbaute — 1785 als Jangyongwi begonnen; für die Umbenennung nennen die Quellen 1788 oder 1793. Ihr Außenlager lag bei der Festung Hwaseong in Suwon, gebaut 1794–1796.
Die 24 Methoden
Der Kanon des Muyedobotongji umfasst die achtzehn Methoden des Muyesinbo plus sechs berittene. Die Bände sind nach Waffengattung geordnet:
| Band | Gruppe | Methoden |
|---|---|---|
| 1 | Stangenwaffen | Jangchang (Langspieß) · Jukjangchang (Bambusspieß) · Gichang (Fahnenspieß) · Dangpa (Dreizack) · Gichang zu Pferd · Nangseon (Astspieß) |
| 2 | Schwert nach fremdem Vorbild | Ssangsudo (Zweihänder) · Yedo (Kurzschwert) · Waegeom (japanisches Schwert) · Gyojeon (Partnerübung nach japanischer Methode) |
| 3 | Schwert und Hellebarde | Jedokgeom · Bongukgeom (Landesschwert) · Ssanggeom (Doppelschwert) · Ssanggeom zu Pferd · Woldo (Mondklinge) · Woldo zu Pferd · Hyeopdo · Deungpae (Schild) |
| 4 | Waffenlos, Schlagwaffen, Reiten | Gwonbeop (Faustmethode) · Gonbong (Langstock) · Pyeongon (Dreschflegel) · Pyeongon zu Pferd · Gyeokgu (Ballspiel zu Pferd) · Masangjae (Kunstreiten) |
Drei Beobachtungen, die der Kanon selbst erzwingt.
Erstens: Das Buch nennt seine fremden Quellen im Titel der Methode. Waegeom heißt schlicht „japanisches Schwert”, Gyojeon ist eine japanische Partnerform, Gwonbeop geht auf Qi Jiguang zurück. Ein Kanon, der die Herkunft in den Namen schreibt, betreibt keine Ahnenpflege.
Zweitens: Nur eine einzige Methode heißt ausdrücklich koreanisch — Bongukgeom, das „Landesschwert”. Eine von 24. Wer aus dem Muyedobotongji eine ungebrochene koreanische Schwerttradition ableiten will, arbeitet gegen die Gliederung des Buches.
Drittens: Zwei der 24 sind kein Kampf. Gyeokgu ist ein Ballspiel zu Pferd, Masangjae Kunstreiten. Sie stehen darin, weil Muye die militärische Fertigkeit meint und nicht den Zweikampf.
Was im Buch fehlt — und warum das die Pointe ist
Im gesamten Kanon kommt der Bogen nicht vor.
Das ist auf den ersten Blick absurd. Das Bogenschießen war Koreas prägende Militärkunst; der Artikel zum Gungsul hält fest, dass es im Militärexamen Mugwa (1392–1894) unter allen geprüften Fertigkeiten das größte Gewicht hatte.
Genau deshalb fehlt es. Die beiden Listen sind komplementär:
| Militärexamen Mugwa | Muyedobotongji | |
|---|---|---|
| Bogen | Kernfach | fehlt |
| Reiten | geprüft | 6 berittene Methoden |
| Schwert (gyeokgeom) | nicht geprüft | 12 Methoden |
| Speer | geringes Gewicht | 6 Methoden |
Das Prüfungswesen wählte Offiziere über Fernwaffen aus; der Nahkampf kam darin praktisch nicht vor. Das Handbuch deckt fast genau die Lücke.
Dass diese Ergänzung beabsichtigt war, ist eine Deutung und keine Quellenaussage — das Buch selbst begründet die Auswahl nicht. Aber die Verteilung ist zu sauber, um Zufall zu sein, und sie erklärt, warum die berühmteste koreanische Kampfkunst im berühmtesten koreanischen Kampfkunstbuch nicht vorkommt.
Ein Handbuch, das seine Uneinheitlichkeit ausweist
Am Ende der vier Bände stehen zwei Anhänge. Der eine, Gwanbokdoseol (관복도설), zeigt die Kleidung, die zu den Waffen gehört. Der andere ist der eigentliche Fund.
Der Goipyo (고이표, 考異表) ist eine Tabelle der Abweichungen: Er stellt zusammen, wie dieselbe Methode in verschiedenen Garnisonen unterschiedlich ausgeführt wurde.
Ein staatliches Ausbildungswerk, das eine Norm setzen soll, führt einen Anhang mit, der festhält, wo die Praxis von der Norm abweicht. Das ist die Haltung, die dieser Bestand an der HEMA beschreibt — die Kunst, die ihre Lücke zugibt —, nur zweihundert Jahre früher und von einer Regierung.
Für die Rekonstruktion ist der Goipyo die wichtigste Seite des Buches. Denn er sagt: Es gab schon 1790 nicht die eine korrekte Ausführung. Wer heute behauptet, eine Form aus dem Handbuch sei die authentische, widerspricht dem Handbuch.
Was der Text nicht enthält
Das Muyedobotongji hat keine Tugendlehre. Kein Kapitel über den Weg, keine Ethik des Kämpfers, keine Anleitung zur Selbstbildung.
Das ist bemerkenswert, weil das Buch zeitlich mitten in die Epoche fällt, in der China Wu De und Japan sein Kriegerethos ausformulierten. Ein konfuzianischer Staat mit einer eigenen Beamtenprüfung hätte reichlich Material gehabt.
Er hat es weggelassen, weil das Buch für Soldaten geschrieben ist und nicht für Schüler. Dazu passt ein technisches Detail: Neben den vier Bänden in klassischem Chinesisch erschien ein Band in Hangul. Wer die Zeichenschrift nicht las, sollte trotzdem üben können.
Die Kunst, die heute so heißt
Und hier trennt sich der Name vom Buch.
Kim Kwang-Seok (김광석, geb. 1936) eröffnete 1969 eine Schule und gründete 1981 die Sibpalgi-Vereinigung. Ausgebildet worden war er in den späten 1950er und den 1960er Jahren bei Choi Sang-chul, einem Lehrer chinesischer Kampfkunst.
1986 verglich der Volkskundler Sim U-seong Kims Stil mit dem Muyedobotongji. Im selben Jahr gab es die erste öffentliche Vorführung, 2001 gründeten Kims Schüler eine Bewahrungsgesellschaft.
Die Reihenfolge ist der Befund. Der Stil war zuerst da, das Buch kam danach dazu. Wie weit Kims System den historischen Methoden entspricht und wie weit es moderne chinesische Kampfkunst ist, ist ungeklärt — und lässt sich nach Lage der Dinge auch nicht klären.
Das ist nicht dasselbe wie bei Haidong Gumdo. Dort ist die Gründungserzählung — Krieger des 7. Jahrhunderts — nachweislich unhaltbar. Hier ist die Bezugsquelle echt, gedruckt und einsehbar. Der Bruch liegt nicht in der Quelle, sondern in der Strecke zwischen ihr und der Gegenwart.
Daneben steht ein zweiter, ehrlicherer Strang: die Muye 24-ki (무예24기), eine erklärte Rekonstruktion aus dem Handbuch, die von der Stadt Suwon gefördert wird und mehrmals wöchentlich am Hwaseong Haenggung vorgeführt wird — also an dem Ort, für dessen Garnison das Buch geschrieben wurde. Wer sich Rekonstruktion nennt, behauptet keine Linie.
Häufige Fehlschlüsse
„Das Muyedobotongji beweist eine durchgehende koreanische Kampfkunsttradition.” Es beweist, dass 1790 vierundzwanzig Methoden gelehrt wurden. Über die Zeit davor sagt es wenig und über die Zeit danach nichts — der Kanon endete mit der Truppe, für die er geschrieben war.
„Sibpalgi ist die älteste koreanische Kampfkunst.” Der Begriff ist von 1759 und stammt von Kronprinz Sado. Die Kunst dieses Namens ist von 1969.
„Das Handbuch ist ein rein koreanisches Werk.” Sein Urgroßvater ist Qi Jiguangs Jixiao Xinshu von 1561, sein Schwertkapitel führt japanische Methoden unter japanischem Namen. Das Buch sagt das selbst.
„1795.” Diese Jahreszahl steht in mehreren englischsprachigen Nachschlagewerken. Das UNESCO-Register Memory of the World, in das das Werk 2017 auf Antrag der DVR Korea aufgenommen wurde, gibt als Druckdatum April 1790 an; die koreanische Fachliteratur datiert den Abschluss auf den 29. Tag des vierten Mondmonats im 14. Regierungsjahr Jeongjos, also ebenfalls 1790.
„Der Bogen fehlt, weil er unwichtig war.” Er fehlt, weil er das Kernfach des Militärexamens war. Genau umgekehrt.
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