Wudang — ein Gebirge, eine Kategorie und ein Text von 1669
Wudang ist kein Stil, sondern ein Gebirge und eine Kategorie. Die Trennung in innere und äußere Kampfkunst lässt sich auf ein Jahr datieren: 1669.
Inhalt
„Wudang” (武當) ist in der Kampfkunstwelt ein Wort mit dem Anschein großer Bestimmtheit — man liest es als Gegenstück zu Shaolin, als Heimat der inneren Stile, als Ursprung des Taijiquan. Tatsächlich bezeichnet es dreierlei, und nur das erste davon ist eindeutig:
- Ein Gebirge in der Provinz Hubei mit einem der bedeutendsten daoistischen Tempelbezirke Chinas.
- Eine Kategorie — die „inneren” Stile, im Gegensatz zu den „äußeren” von Shaolin.
- Eine Gruppe moderner Schulen, die dort seit den 1980er Jahren unterrichten.
Ein einheitlicher Stil namens Wudang existiert nicht. Und die Kategorie unter 2. hat einen erstaunlich genauen Geburtstag.
Geschichte: der Ort
Das Wudang-Gebirge ist seit dem Mittelalter ein Zentrum des Daoismus, gewidmet dem Gott Xuanwu. Unter dem Yongle-Kaiser entstand im frühen 15. Jahrhundert ein umfangreiches Bauprogramm mit Klöstern, Hallen und Wegen, das dem Bezirk seine bis heute prägende Gestalt gab. 1994 wurde die Anlage in die UNESCO-Liste des Welterbes aufgenommen.
Dass an einem daoistischen Zentrum dieser Größe auch körperliche Übung, Atemarbeit und Gesundheitspraktiken gepflegt wurden, ist unstrittig. Der Sprung von dort zu einem geschlossenen Kampfkunstsystem ist es nicht.
Der Text von 1669
Die Trennung in innere (內家) und äußere (外家) Kampfkunst geht auf eine einzige, datierbare Quelle zurück: die Grabinschrift für Wang Zhengnan, verfasst 1669 von dem Gelehrten Huang Zongxi (1610–1695).
Huang beschreibt darin zwei Schulen. Die äußere ordnet er Shaolin zu: Ihre Bewegungen greifen an und geben dem Gegner dadurch Angriffsfläche. Die innere überwinde Bewegung durch Ruhe und wehre den Angreifer mühelos ab. Ihren Ursprung führt er auf Zhang Sanfeng zurück, einen daoistischen Alchemisten vom Wudang-Berg.
Das ist der erste bekannte Text, der all das behauptet. Alles, was heute über innere Stile, Wudang und Zhang Sanfeng als Kampfkunstgründer gesagt wird, hängt an dieser Inschrift oder an ihrer Wirkungsgeschichte.
Und sie ist kein neutraler Fachtext. Huang Zongxi schrieb als Anhänger der gestürzten Ming-Dynastie unter der neuen, mandschurischen Qing-Herrschaft. In seiner Darstellung ist das Innere daoistisch und damit chinesisch, das Äußere buddhistisch und damit von außen gekommen. Ein großer Teil der Sinologie liest die Unterscheidung deshalb nicht als technische Einteilung, sondern als politische Aussage in kampfkünstlerischer Verkleidung — als Bekenntnis zur untergegangenen Dynastie.
Damit ist nichts über die Qualität innerer Übungsmethoden gesagt. Wohl aber etwas darüber, woher ihre Einteilung stammt: nicht aus der Beobachtung von Kämpfen, sondern aus einem Nachruf mit politischem Nebensinn.
Was „Wudang-Kampfkunst” heute bezeichnet
| Verwendung | Was gemeint ist | Belastbarkeit |
|---|---|---|
| Der Ort | Tempelbezirk in Hubei, Welterbe seit 1994 | gesichert |
| Die Kategorie | Sammelbegriff für die inneren Stile | ab 1669 belegt, politisch geprägt |
| Zhang Sanfeng als Gründer | Zuschreibung des Taijiquan | Legende, erstmals 1669 |
| Die heutigen Schulen | Unterricht am Berg seit den 1980ern | gesichert, aber jung |
Als „innere Stile” gelten üblicherweise drei Systeme: Taijiquan, Xingyiquan und Baguazhang; häufig wird Liuhebafa als viertes hinzugezählt. Keines dieser Systeme ist in Wudang entstanden — sie werden ihm zugeordnet.
Inhalte der heutigen Wudang-Schulen
Was an den Schulen am Berg unterrichtet wird, lässt sich gut beschreiben, auch wenn seine Geschichte kurz ist:
- Formenläufe mit betont langsamer, fließender Ausführung
- Wudang-Schwert (武當劍) — die bekannteste Waffendisziplin, mit weiten, kreisenden Klingenbahnen
- Qigong und Atemarbeit, oft mit daoistischer Begrifflichkeit
- Meditation und Gesundheitsübungen, in enger Verbindung mit dem Tempelbetrieb
- Wandernder Schrittwechsel, dem Baguazhang verwandt
Der Zusammenhang mit dem Ort ist dabei real: Der Unterricht findet im daoistischen Rahmen statt, mit dessen Tageslauf und Begriffen. Nur ist dieser Rahmen die Wiederaufnahme einer Tradition nach der Kulturrevolution, nicht ihre ununterbrochene Fortsetzung.
Verbindungen zu anderen Kampfkünsten
- Taijiquan — das prominenteste System, dem eine Wudang-Herkunft zugeschrieben wird; die dokumentierte Linie führt dagegen ins Dorf Chenjiagou
- Xingyiquan und Baguazhang — die beiden anderen Systeme der Dreiergruppe
- Liuhebafa — der oft genannte vierte innere Stil, mit einer vergleichbaren Zuschreibungslage
- Ki, Chi und Prana — der Begriffsapparat, mit dem in den inneren Stilen gearbeitet wird
- Kung Fu / Wushu — die Einordnung des Ganzen
Heute
Wudang ist heute ein bedeutendes Ziel für Kampfkunstreisende. Seit den 1980er Jahren sind am Berg zahlreiche Schulen entstanden, die auch mehrmonatige Ausbildungen für ausländische Schüler anbieten; Tourismus und Unterricht sind eng verflochten.
Das ist kein Vorwurf. Die Übungen sind ernsthaft, viele Lehrer sind ausgezeichnet, und die Verbindung von Kampfkunst und daoistischer Praxis ist an wenigen Orten so unmittelbar zu erleben. Nur sollte man beim Buchen wissen, dass man an einer Wiederbelebung teilnimmt und nicht an einer ununterbrochenen Überlieferung — und dass die Gegenüberstellung „hart wie Shaolin, weich wie Wudang” ihren Ursprung in einer Grabinschrift von 1669 hat und nicht in einem Vergleich zweier Kampfstile.
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