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Ryūkyū / Japan ·1870–1944

Chōki Motobu — der Kämpfer, dessen Sieg mit einem fremden Gesicht gedruckt wurde

Motobu schlug 1922 mit 52 Jahren einen Boxer k. o. Als das King-Magazin den Sieg 1925 bebilderte, zeigte die Zeichnung Funakoshi.

Motobu Chōki (1870–1944), Aufnahme aus seinem Buch von 1932
Wikimedia Commons, Public Domain
Chōki Motobu Naihanchi Kumite Okinawa Motobu Udun Funakoshi Karate 1922
Inhalt

Überblick

Motobu Chōki (本部朝基, 5. April 1870 – 15. April 1944) war der bekannteste Praktiker des Karate seiner Generation und dessen unbequemster.

Seine Rolle im Bestand dieser Enzyklopädie ist die des Gegenzeugen. Wo Ankō Itosu das Karate in die Schulen brachte und Gichin Funakoshi es nach Japan übersetzte, bestand Motobu darauf, dass es zum Kämpfen da sei — und er war der Einzige der drei, der das öffentlich vorführte.

Die Geschichte, die alles über sein Verhältnis zu den beiden anderen sagt, ist die eines Druckfehlers.


Herkunft — und was er nicht erbte

Motobu war der dritte Sohn des Fürsten Motobu Chōshin. Die Familie gehörte zum Motobu Udun, einer Nebenlinie des ryūkyūanischen Königshauses.

Und genau das ist der Ausgangspunkt. Die Familienkunst der Motobu Udun — das Motobu Udundī — wurde nach der Überlieferung innerhalb der Linie des ältesten Sohnes weitergegeben und ging an seinen älteren Bruder Chōyū. Als dritter Sohn stand Chōki außerhalb davon und musste sich sein Karate anderswo zusammensuchen.

Was er zusammensuchte, ist eine ungewöhnliche Liste:

LehrerLinie
Ankō ItosuShuri-te
Matsumura SōkonShuri-te
Matsumora KōsakuTomari-te
Sakuma

Wegen seiner Beweglichkeit trug er den Beinamen Motobu no Saru, „Motobu, der Affe”.


November 1922, Kyoto

Motobu zog 1921 nach Osaka. Im November 1922 trat er in Kyoto bei einer Veranstaltung an, in der Judo gegen Boxen gestellt wurde, und schlug einen ausländischen Boxer k. o.

Er war zweiundfünfzig Jahre alt.

Wer der Gegner war, ist bis heute nicht gesichert; die Quellen nennen ihn „George” oder „John”, und die Forschung hat den estnischen Boxer Jaan Kentel vorgeschlagen.

Was dieser Kampf bedeutete, lässt sich kaum überschätzen. Karate war auf dem japanischen Festland zu diesem Zeitpunkt eine Neuigkeit aus einer eben erst eingegliederten Präfektur. Ein Okinawer, der einen westlichen Boxer ausknockt, war der Beleg, den die Sache brauchte — und Motobu lieferte ihn körperlich, nicht schriftlich.


Der Druckfehler

1925 brachte das Massenmagazin King einen Artikel über diesen Sieg.

Die Illustration zeigt Gichin Funakoshi.

Nicht Motobu. Der Mann, der den Kampf gewonnen hatte, bekam den Bericht; der Mann, der Karate in Tokio unterrichtete und Bücher schrieb, bekam das Gesicht.

Das ist keine Anekdote, sondern die Kurzfassung der ganzen Epoche. In den Jahren, in denen Karate sich auf dem Festland durchsetzte, entschied nicht, wer kämpfen konnte, sondern wer erklären konnte — wer Kontakte in Bildungsministerien hatte, wer Bücher veröffentlichte, wer den gebildeten Ton traf. Motobu hatte davon nichts, und die Zeichnung im King ist der Beleg dafür in einem Bild.

Und ein Gerücht, das dazu gehört und falsch ist

Über Motobu hieß es lange, er sei Analphabet gewesen — das passte zum Gegensatz mit dem Lehrer Funakoshi und wurde gern erzählt.

Es stimmt nicht. Erhaltene Handschriftproben von Motobu zeigen eine klare, schriftkundige Hand. Das Gerücht ist damit weitgehend entkräftet — und es ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich eine Rollenverteilung, die einmal gedruckt war, im Nachhinein biografisch untermauert.


Die Antwort: das älteste Buch über Kumite

Ein Jahr nach dem King-Artikel, 1926, veröffentlichte Motobu Okinawa Kenpō Karate-jutsu Kumite-hen — das älteste Buch über Kumite.

Der Zeitpunkt spricht für sich. Der Mann, dem man das Gesicht weggedruckt hatte, schrieb ein Buch — und zwar über genau den Teil, der im verschulten Karate fehlte.


Die Sache, um die gestritten wurde

Motobu und Funakoshi lagen über die Frage im Streit, wie Karate unterrichtet und wozu es benutzt werden sollte. Motobus Position lässt sich an zwei Punkten festmachen, und beide sind technisch, nicht weltanschaulich.

Erstens die Kata. Er konzentrierte sich fast ausschließlich auf Naihanchi und hielt sie für den Schlüssel zum Nahkampf. Ein schmaler Kanon, tief geübt — die Gegenposition zu Kenwa Mabunis Sammeln und zu Itosus Vereinfachen gleichermaßen.

Zweitens die Bewegung selbst:

Mit einer Hand abwehren und dann mit der anderen kontern ist kein wirkliches Bujutsu.

Das ist kein Sinnspruch, sondern eine Aussage über Gleichzeitigkeit: Abwehr und Gegenangriff sollen eine Bewegung sein, nicht zwei.

Und daraus folgt sein bekanntester Einwand, der im Bestand an mehreren Stellen auftaucht: Zur Hikite — der zurückgezogenen Hand — kritisierte Motobu nicht das Prinzip, sondern die Höhe. Die Faust gehöre unter die Achsel, nicht an die Hüfte.

Der Vergleich von Faust, Hikite und Boxdeckung hält fest, warum das eine Aussage über Greifmechanik ist und keine über Kraftentfaltung: Eine Hand unter der Achsel zieht auf einer anderen Linie als eine an der Hüfte. Das Handhaltung-Programm macht daraus eine überprüfbare Stufe — wer zieht, muss den Partner zu einem Schritt zwingen, und welche der beiden Höhen das leistet, entscheidet der Versuch.


Motobu-ryū

Motobu gründete das Motobu-ryū. Die Linie besteht bis heute, ist aber klein geblieben — was zur Sache passt: Ein Stil, der auf wenigen Kata und viel Partnerarbeit beruht, lässt sich schlecht in Massen unterrichten. Genau das war ja der Einwand.


Heute

Motobus Bewertung hat sich verschoben, und zwar in dem Maß, in dem die Kritik am anwendungslosen Kata-Karate lauter wurde. Wer heute nach den verlorenen Anwendungen sucht — nach dem, was der Vergleich von Kata und Kumite verhandelt —, landet regelmäßig bei ihm.

Die Ironie dabei ist beträchtlich: Motobu war Schüler desselben Itosu, dessen Schulunterricht die Anwendungen aus dem Karate herausdrängte. Die schärfste Kritik an der Verschulung kam aus dem eigenen Schülerkreis des Mannes, der sie betrieben hat.


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Autor: Redaktion ·August 2026
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