百者
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England (London) ·1872–1971

Edith Garrud — eine Kampfkunst als Antwort auf ein Gesetz

1913 machte ein Gesetz Suffragetten nach dem Hungerstreik erneut verhaftbar. Die Antwort war eine dreißigköpfige Leibgarde — ausgebildet von ihr.

Sechsteilige Fotoreihe von 1910: Eine Frau in langem Rock und Hut wehrt einen als Polizisten gekleideten Mann ab, wirft ihn und hält ihn am Boden; die Bilder sind von 1 bis 6 durchnummeriert
British Press / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
Edith Garrud Jujutsu Suffragetten WSPU London Leibgarde Frauen im Budo 1913
Inhalt

Überblick

Edith Margaret Garrud, geborene Williams (1872–1971), war die erste britische Jūjutsu-Lehrerin und eine der ersten Kampfkunstlehrerinnen der westlichen Welt überhaupt. Sie war knapp 1,50 m groß und unterrichtete Frauen in einer Zeit, in der beides gegen die Erwartung stand.

Sie steht aus einem Grund in dieser Enzyklopädie, den kein anderer Artikel hier bietet. Dies ist der einzige belegte Fall im ganzen Bestand, in dem eine Kampfkunst als Antwort auf ein bestimmtes Gesetz organisiert wurde. Nicht als Philosophie, nicht als Sport, nicht als Tradition: als benannte Gegenmaßnahme zu einer benannten Rechtsvorschrift, mit Datum, Teilnehmerzahl und Ausrüstung.

Der übrige Bestand beschreibt Künste, die von Regelwerken geformt wurden — vom Wurfprinzipien-Vergleich bis zum Sportfechten. Hier formt einmal das Strafrecht.

Geboren1872 (als Edith Margaret Williams)
Gestorben1971, im Alter von 99 Jahren
KampfkunstJūjutsu
LehrerSadakazu Uyenishi, Yukio Tani
Bekannt fürAusbildung der Leibgarde der WSPU
DōjōGolden Square, London (ab 1908)

Wie sie zum Jūjutsu kam

Der Weg führt direkt über den Bartitsu Club. 1899 begann Garrud gemeinsam mit ihrem Mann William bei Sadakazu Uyenishi und Yukio Tani zu trainieren — den beiden japanischen Lehrern, die Edward Barton-Wright über einen Briefwechsel mit Kanō Jigorō nach London geholt hatte.

Barton-Wrights Club schloss 1903. Uyenishi unterrichtete danach in seinem eigenen Dōjō am Golden Square, und als er 1908 nach Japan zurückkehrte, übernahmen die Garruds die Schule. Damit ist die Kette vollständig und ungewöhnlich kurz: vom gescheiterten Mischkampf-Unternehmen eines Ingenieurs über zwei japanische Angestellte zu einer englischen Lehrerin — in neun Jahren.

Sichtbar wurde sie zuerst außerhalb des Dōjō. 1907 spielte sie die Hauptrolle in dem kurzen Gaumont-Film The Lady Athlete; or, Jiu-Jitsu Downs the Footpads unter der Regie von Alf Collins. 1910 veröffentlichte Health & Strength am 23. Juli ihr Szenario „Damsel v. Desperado” — eine kleine Frau in einer leeren Straße, die zwei Angreifer mit Sperren, Griffen und Würfen abfertigt.

1913: das Gesetz und die Antwort

1908 bot sie erstmals Kurse ausschließlich für Mitglieder der WSPU an. 1909 führte sie auf der „Women’s Exhibition” der Organisation Jūjutsu vor und richtete danach einen zweimal wöchentlichen Selbstverteidigungskurs ein, beworben in der Verbandszeitung Votes for Women.

Dann kam der Vorgang, der diesen Artikel trägt. 1913 verabschiedete die britische Regierung das Gesetz, das als Cat and Mouse Act bekannt wurde: Suffragetten im Hungerstreik konnten aus der Haft entlassen werden, um sich zu erholen — und danach wegen derselben Anklage erneut verhaftet werden. Die Freilassung war keine Begnadigung, sondern ein Aufschub.

Die Antwort der WSPU war eine dreißigköpfige, ausschließlich weibliche Schutzeinheit, kurz die Leibgarde. Garrud bildete sie aus. Drei Einzelheiten sind überliefert und beschreiben das Vorhaben genauer als jede Erzählung:

  • Der Unterricht fand an wechselnden geheimen Orten in London statt, um der Polizei auszuweichen.
  • Neben Jūjutsu unterrichtete sie den Gebrauch hölzerner Keulen (Indian clubs) — in den Kleidern verborgen, als Antwort auf den Schlagstock.
  • Der Zweck war Entziehung, nicht Sieg: Die Aufgabe war, eine bestimmte Person vor der erneuten Verhaftung zu bewahren.

Damit steht ein Lehrplan, der aus einer Rechtslage folgt. Wer wissen will, wie stark äußere Bedingungen eine Kampfkunst formen, hat hier den kürzesten Weg von der Ursache zur Technik im ganzen Bestand: Gesetz → Wiederverhaftung → Schutz einer Person → verdeckte Keule gegen Schlagstock.

Was die Karikatur zeigt — und was nicht

Die Geschichte wird fast immer mit einem einzigen Bild erzählt: der Karikatur „The Suffragette that Knew Jiu-Jitsu” von Arthur Wallis Mills, 1910. Sie zeigt eine einzelne Frau, die ein Dutzend Polizisten über eine Straße verteilt hat, während weitere Abstand halten.

Dieses Bild ist als Beleg mit Vorsicht zu behandeln, und der Unterschied ist wichtig genug für einen eigenen Absatz. Es belegt die Wirkung, nicht die Technik. Dass eine Zeitschrift 1910 eine solche Zeichnung druckte, zeigt, dass die jiujitsuffragettes ein öffentliches Phänomen waren — das ist eine echte und brauchbare Aussage. Was die Leibgarde tat, zeigt es nicht. Sie hat keine Polizeitrupps über den Bürgersteig geworfen; sie trainierte im Verborgenen, arbeitete mit Ablenkung und verdeckten Waffen und war erfolgreich, wenn jemand nicht mehr da war.

Der Bestand nutzt dieselbe Karikatur im Bartitsu-Artikel, dort aber ausdrücklich als Beleg für die Wirkungslinie von Barton-Wrights Lehrern bis in die Frauenbewegung. Für die Frage, wie gekämpft wurde, taugt sie nicht — dafür gibt es die Lehrbildreihen, aus denen auch das Bild dieses Artikels stammt.

Das Wort ist von 2015

Ein kleiner, aber typischer Punkt zur Quellenkritik. Der heute geläufige Begriff „Suffrajitsu” stammt nicht aus der Zeit: Er wurde 2015 von Tony Wolf für seine Comic-Trilogie Suffrajitsu: Mrs. Pankhurst’s Amazons geprägt — von demselben Autor, der ab 2002 die Wiederentdeckung des Bartitsu vorangetrieben hat.

Die zeitgenössische Presse hatte ein eigenes Wort, und es war unfreundlicher gemeint: „jiujitsuffragettes”. Wer den moderneren Begriff benutzt, benutzt keinen falschen — nur einen, der hundert Jahre jünger ist als die Sache. In einem Bestand, der bei Shoshin und Shu-Ha-Ri dieselbe Unterscheidung ziehen musste, gehört das dazu.

Was gesichert ist und was nicht

Gesichert: die Lehrerkette (Uyenishi, Tani, Übernahme des Dōjō 1908), der Film von 1907, das Szenario in Health & Strength vom 23. Juli 1910, die Kurse für WSPU-Mitglieder ab 1908/09, das Gesetz von 1913, die Existenz und ungefähre Stärke der Leibgarde, ihre Ausbildung durch Garrud und der Gebrauch verborgener Keulen.

Weniger gesichert: die Einzelheiten einzelner Auseinandersetzungen. Über die Leibgarde kursieren Schilderungen, die im Ton der Karikatur ähneln, und sie sind schwerer zu belegen als der Rahmen. Dieser Artikel führt sie deshalb nicht auf. Der Befund ist auch ohne sie stark genug — eine Organisation richtete eine Schutzeinheit ein, weil ein Gesetz sie nötig machte, und ließ sie von einer Kampfkunstlehrerin ausbilden. Das steht.

Verbindungen zu anderen Kampfkünsten

  • Bartitsu — die Herkunft ihrer Ausbildung, und der Beleg für dessen These: Nicht die Synthese überlebte, sondern die Lehrer. Garrud ist deren weitreichendste Wirkung.
  • Jūjutsu — ihre Kunst, in der britischen Fassung des frühen 20. Jahrhunderts, wie sie Tani und Uyenishi unterrichteten.
  • Judo — der institutionelle Nachbar; die japanischen Lehrer Londons kamen aus demselben Umfeld, und die Wege trennten sich erst später.
  • Keiko Fukuda — die andere Frau in dieser Kategorie, und der Gegenfall: Fukuda kämpfte jahrzehntelang um Anerkennung innerhalb einer Institution, Garrud arbeitete von Anfang an gegen eine.
  • Budō — die Frage, die dieser Artikel unbeantwortet lässt: ob eine Kampfkunst, die zum politischen Werkzeug wird, ihrem Anspruch näher ist oder ferner.

Heute

Garrud starb 1971 mit 99 Jahren; in Islington erinnert eine Gedenktafel an sie, und ihr Name taucht seit den 2010er Jahren regelmäßig in Ausstellungen und Sachbüchern zur Frauenbewegung auf. Das ist später Ruhm — den größten Teil des 20. Jahrhunderts war sie vergessen.

Zwei Hinweise zur Einordnung. Erstens: Sie war keine Kämpferin, sondern Lehrerin. Ihre Bedeutung liegt nicht in Zweikämpfen, sondern darin, dass sie einer Organisation ein Ausbildungsprogramm gab. Zweitens: Der Fall taugt nicht als Werbung für Selbstverteidigung im Allgemeinen. Er ist eng, gut belegt und an eine bestimmte Lage gebunden — dreißig Frauen, ein Gesetz, ein Zweck. Genau diese Enge macht ihn belastbar.

Was ihn im Rahmen dieser Enzyklopädie so ungewöhnlich macht, ist die Richtung. Fast alle Artikel hier beschreiben, wie eine Institution eine Kampfkunst formt — Verbände, Prüfungsordnungen, Regelwerke. Bei Edith Garrud formte eine Kampfkunst einmal zurück.

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Autor: Redaktion ·August 2026
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